Seit einigen Jahren benutze ich fast ausschließlich Linux als mein primäres Betriebssystem. Microsoft-Produkte sieht man eher selten auf meinem Bildschirm, und außer meinem iPhone befinden sich auch keine iDevices in meinem Besitz. Für mich funktioniert das relativ gut, weil ich den Ablauf, anscheinend triviale Aufgaben wie “Bildschirmschoner ändern” erst einnmal zu recherchieren, gewohnt bin und auch aus purem Interesse Code und Dokumentation lese.
Der/die durchschnittlich/e Benutzer/in jedoch will das nicht. Für ihn oder sie ist der Rechner ein Werkzeug, und zwar eines, das seine Aufgabe erfüllt. Maßgeblich für die vom Benutzer Qualität des Werkzeuges ist in vielen Fällen jedoch die die Software. Genauer gesagt, es ist dem Benutzer egal, was Software intern macht, solange sie:
- die gewünschten Ergebnisse liefert
- leicht zu verstehen ist, bzw. einen intuitiven Einstieg ermöglicht und dem Benutzer dabei unterstützt, neue Features zu “entdecken”
- nicht nervt (also den Workflow mit unnötigen Hinweisen und Warnungen blockiert)
- zu jedem Zeitpunkt responsiv ist, also Wartezeiten so gering wie möglich hält.
- und interoperabel mit anderen Systemen ist.
In allen diesen Kategorien kann ein auf GNU\Linux basierendes System durchaus punkten – es gäbe also keinen Grund, noch mit unfreien Betriebssystemen zu arbeiten – wäre da nicht die Realität der großen Distributionen.
Ubuntu Linux, GNU\Linux-Distribution und Hobby-Projekt eines Südafrikanischen 2Multimillionärs, durch den inzwischen der Kapitalismus im Angesicht der möglichen Monetarisierung seine hässlichen Krallen ausfährt, war lange Zeit für seine exzellente Standard-Software-Auswahl, hübsch gestaltetes User-Interface und die grandiose User Experience (“boot into an OS you can actually work with!”) bekannt.
Stand Release 12.04 ist: Wie immer ein aufgeblähter Kernel (nicht dass das nicht immer schon der Fall war), einige nicht nachvollziehbare Änderungen in der Standardsoftware und eine vollkommen eigene, in meinen Augen nicht benutzbare Standard-Oberfläche, der zusätzlich noch viele Einstellungsmöglichkeiten fehlen. Als Beispiel sei hier das grafische Interface für xrandr erwähnt. Aber das ist ein Problem, mit dem Ubuntu nicht allein dasteht.
Eine andere Distribution hat dasselbe Problem: Fedora. Ausgerüstet mit der gelinde gesagt unfertigen Desktop-Umgebung Gnome3, die relativ gut benutzbar ist, der aber einige Features fehlen, kann man es zwar benutzen, aber im Multihead- und/oder kombinierten Beamer-Betrieb wird man trotzdem auf die Kommandozeile zurückfallen müssen. Solche Eigenschaften sind aber für Nichthobbyisten nicht wünschenswert. Sie nerven.
Das soll aber nicht heißen, dass es nicht möglich ist, die eingangs erwähnten Ziele mit freier Software umzusetzen. Momentan bedeutet eine “perfekte” Umgebung allerdings noch sehr viel Bastelarbeit, und das ist auch meiner Meinung nach der Grund, warum GNU\Linux-Desktops noch nicht sehr verbreitet sind. Ein Ausweg ist meiner Meinung nach eine freie Linux-Variante mit einer vernünftigen, simplen aber hübschen Umgebung – aber wie es momentan aussieht, muss diese Distribution erst noch entstehen.